• 1
  • 2
  • 3
  • 4
  • 5

Der-den-du-nicht-kommen-hörst

fluss liane cavallyIn Liberia, am Rande des Regenwaldes lebte das Volk der Jabo. Ihre Dörfer lagen am Ufer des
Cavally-Flusses. Die Menschen dieses Volkes sprachen oft über ein Tier, das sie „Der-den-du-nicht-kommen-hörst“ nannten.

Die Alten wussten am besten Bescheid und die Menschen waren begierig, mehr zu erfahren: „Wann kommt Der-den-du-nicht-kommen-hörst?“
„Er kommt fast nur, wenn es dunkel ist. Keiner kann ihn sehen. Er schleicht sich lautlos ins Dorf. Wer von ihm überwältigt wird, ist machtlos.“

Aber warum bemerken denn unsere Hunde Den-den-du-nicht-kommen-hörst nicht? Der-den-du-nicht-kommen-hörst hinterlässt keine Spuren, man sieht ihn nicht und hört ihn nicht. Und wenn er auf die Hunde trifft, bezwingt er auch sie.

Aber die Leute wollten noch mehr wissen: „Was tut er den Menschen an?“
„Der-den-du-nicht-kommen-hörst ist ein Dieb. Er kommt und stiehlt den Menschen die Gedanken und die Stunden.

Eines Tages berieten sich die jungen und mutigsten Jäger des Dorfes. Sie überlegten, was wäre, wenn sie Den-den-du-nicht-kommen-hörst fangen und besiegen würden. „Wenn wir ihn töten und ins Dorf bringen, dann werden wir gefeiert als die grössten Jäger aller Zeiten!“ meinten sie. Einer sta-chelte den anderen an, keiner wollte seine Angst zeigen. Schliesslich fanden sich drei, Biafu, Deebe und Gunde, die beschlossen, Den-den-du-nicht-kommen-hörst zu jagen und ins Dorf zu bringen.

Die Alten schüttelten die Köpfe: „Dieses Tier hat noch jeden besiegt. Die besten Jäger haben schon ihr Glück versucht, aber es ist ihnen nicht gelungen. Keiner hat es je gesehen. Es hinterlässt keine Fussspuren. Ihr hört es nicht. Ihr riecht es nicht. Lasst es bleiben.“

Doch die drei liessen sich nicht mehr davon abbringen. Sie nahmen ihre Speere und ihre Jagdmesser und gingen los. Den ganzen Tag durchstreiften sie den Wald ohne eine unbekannte Spur zu finden, ohne das Untier zu sehen.
Schliesslich meinte Biafu: „Wenn Der-den-du-nicht-kommen-hörst auch ein ungewöhnliches Wesen ist, so wird er doch trinken müssen, so wie wir alle. Gehen wir zur Wasserstelle und lauern ihm dort auf!“

An einer Flussbiegung, wo das Wasser besonders langsam floss, befand sich die Wasserstelle. Dort auch ein Baum, dessen Äste über dem Wasser hingen. Biafu sagte zu Deeba: „Klettere du in die Zweige hinauf und lauere. Wenn Der-den-du-nicht-kommen-hörst kommt, dann lass dich auf seinen Rücken fallen, schreie laut, und wir rennen schnell herbei. Zu dritt können wir ihn sicher leicht über-wältigen!“
Deeba aber sagte: „Was, wenn Der-den-du-nicht-kommen-hörst gerne auf Bäume klettert? Was, wenn er auf diesen Baum hier klettert? Was, wenn er mich überwältigt?“
Ärgerlich wandte sich Biafu an Gunde: „So klettere eben du hinauf!“ „Ich kann nicht richtig klettern, ich bin mehr ein Läufer und Lauerer. Da es deine eigene ganz ausgezeichnete Idee war, klettere doch du auf den Baum. Wenn Der-den-du-nicht-kommen-hörst kommt, lass dich laut schreiend auf seinen Rücken fallen und wir kommen, ihn zu überwältigen.“

Da beschloss Biafu, selbst auf den Baum zu klettern. Die beiden anderen versteckten sich in der Nähe, hielten ihre Messer bereit und warteten. Biafu hing in den Zweigen. Er sah die Gazelle kommen. Er sah sie wieder gehen. Er sah den Leoparden kommen, trinken und wieder gehen. Auch der Ochse kam und ging. Ein Tier nach dem anderen kam und trank. Doch er kannte jedes Tier. Der-den-du-nicht-kommen-hörst war nicht dabei.

Biafu sass auf dem Baum, bis die Dämmerung durch das Land schlich und es dunkel wurde. Er dachte an das grosse Fest, das alle ihnen zu Ehren feiern würden, wenn sie erst mit Dem-den-du-nicht-kommen-hörst ins Dorf zurückkämen. Er hörte die Vögel der Nacht, er sah den Mond aufgehen. Da wurde der grosse Jäger müde. Und genau in diesem Augenblick schlich Der-den-du-nicht-kommen-hörst von hinten heran und drückte Biafu die Augen zu.

Da schreckte der junge Mann auf: „Er ist da, er ist da!“ schrie er laut. Gunde und Deeba kamen mit ih-ren Waffen in der Hand gelaufen, bereit für den grossen Kampf. „Wo ist er, wo ist er?“ „Eben war er noch hier, aber er entkam, bevor ich ihn packen konnte!“ rief Biafu enttäuscht. Da gingen die beiden zurück ins Dickicht, kauerten sich hin und warteten wieder ab.

Biafu aber rieb sich die Augen, packte sein Messer fest und starrte hinunter aufs Wasser, damit er Den-den-du-nicht-kommen-hörst diesmal ertappen würde. Nichts geschah, als er so auf dem Baum sass. Da malte er sich wieder aus, wie viel Ruhm ihn erwarten würde bei seiner Rückkehr ins Dorf. Al-le wären froh, wenn ihnen keiner mehr die Gedanken und die Stunden stehlen würde. Sein Name würde von Jungen und Alten gepriesen werden. Er wäre der Grösste unter den Jägern.

Ehe Biafu es gemerkt hatte, war Der-den-du-nicht-kommen-hörst wieder herangeschlichen, um ihn zu überwältigen. „Er ist da!“ schrie Biafu aus Leibeskräften. Doch, was soll ich sagen, noch bevor die bei-den anderen zum Wasser kamen, war das Untier wieder fort. „Wo ist er?“ fragten Deeba und Gunde. „Er war direkt hinter mir, er hatte mich gepackt“, erzählte Biafu, „ihr müsst schneller laufen, sonst er-wischen wir ihn nie.“ „War er gross?“ fragte Gunde. „War er stark?“ wollte Deeba wissen. „Er war rie-sig! Er war mächtig. Er hat mich fast überwältigt, doch als ich euch beide rief, da lief er davon.“

Wieder gingen die zwei ein kleines Stück weit weg, um zu warten. Biafu sass im Baum, während der Mond über den Himmel wanderte. Da schlich Der-den-du-nicht-kommen-hörst heran, kletterte auf den Baum hinauf. Der-den-du-nicht-kommen-hörst drückte Biafu die Augen zu. Das Untier drückte dem Jäger den Kopf auf die Brust. Dann öffnete es sanft die Hand des Mannes, so dass sein Messer ins Wasser hinunterfiel. Dann schob er den grossen Jäger nach unten, langsam weiter und weiter, schliesslich packte Der-den-du-nicht-kommen-hörst Biafu und warf ihn in den Fluss.

„Er hat mich, er hat mich!“ schrie Biafu im Fallen verzweifelt. Als diesmal die beiden Freunde kamen, sahen sie Biafu nass am Flussufer sitzen und sie beschlossen, es sein zu lassen. Einen so mächtigen Gegner konnten nicht einmal sie besiegen. Als die drei ins Dorf zurückkamen, erzählten sie die ganze Geschichte: „Ich habe ihn fast gesehen!“ „Er ist unbesiegbar!“ „Ich habe mit ihm oben auf dem Baum gekämpft!“

Da trösteten die Alten sie und meinten: „Der-den-du-nicht-kommen-hörst ist wirklich unbesiegbar. Er hat noch jeden überwältigt. Aber er ist kein gnadenloses Untier. Wenn er nachts die Gedanken der Menschen stiehlt, so bringt er sie am Morgen wieder zurück.“

So kommt es, dass uns noch heute Der-den-du-nicht-kommen-hörst besucht. So manch einen von uns wird er auch in dieser Nacht überwältigen.


Märchen aus Westafrika
Quelle: Augenblick und Ohrenglück, Frau Wolle

Drucken