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Die beiden Nachbarinnen

Es waren einmal zwei alte Frauen, die lebten in guter Freundschaft als Nachbarinnen. Sie kannten einander fast ihr Leben lang. Die eine hatte ihren Mann als Gast auf der Hochzeit der anderen kennengelernt. Ihre Kinder hatten miteinander am nahegelegenen Teich gespielt, ihre Männer einander bei der Arbeit ausgeholfen. Die eine hatte der anderen zugehört, als sie mit ihrer Tochter ständig stritt. Die andere hatte die eine getröstet, als ihr Sohn aus dem Krieg nicht mehr heimgekehrt war. Die beiden Frauen hatten einander beigestanden, als die Kinder gross geworden waren und eines nach dem anderen das Haus verliess. Schliesslich mussten sie beide im gleichen Jahr ihre Männer begraben. Die beiden redeten über alles Mögliche, teilten Sorgen und Freuden.

Dabei gerieten sie eines Tages in einen Streit. Worum es ging, wird nicht erzählt. War es, weil sie mit dem Alter ein wenig sturer geworden waren, war es ein Missverständnis oder ein alter, nie ganz gelöster Groll, der schon lange schwelte? Was auch immer der Anlass gewesen sein mag, dieser Streit war einfach nicht beizulegen. Ein Wort gab das andere und jedes klang schärfer. Am Ende kam es noch schlimmer, denn irgendwann hörten sie auf, miteinander zu sprechen.

Wenn aber zwei gar nicht mehr miteinander reden, kann ein Missverständnis auch nicht geklärt und ein Streit schwerlich beigelegt werden. Stattdessen wächst der Zorn auf beiden Seiten, der Ӓrger flammt ein ums andere Mal wieder auf, und in Gedanken wächst der Unmut. Als Tage und Wochen ohne eine Geste der Versöhnung vergingen, wurde es immer unmöglicher, einander zu vergeben. Die eine war auf die andere wütend, die andere auf die eine, und beide hatten ihre «guten Gründe». Weil sie nicht mehr miteinander sprachen, machten sie ihrem Zorn in kleinen Gesten Luft. Böse Blicke, Gemurmel mit anderen Frauen auf dem Markt, ein fauler Apfel voller Wespen, der an die Grundstücksgrenze der Nachbarin gelegt wurde. Den Frauen kam so manches in den Sinn. Da kam eine der beiden auf den Einfall, einen Graben zwischen die beiden Grundstücken zu ziehen und ihn mit Wasser zu füllen. Als die andere das sah, ärgerte sie sich masslos darüber, dass ihr das nicht selber eingefallen war.

Eines Tages kam ein Wanderer vorbei. Er war einer derjenigen, die von der Hand in den Mund lebten und von der Arbeit, die er da und dort fand. Er hatte dunkle Locken, ein ehrliches, offenes Gesicht, einen klaren Blick und den Gang eines Menschen, der seit Jahren unterwegs ist. So einer wie er war wohl schon durch vieler Menschenleben gewandert.
Als er sie also nach Arbeit fragte, überlegte sie gut. Während sie ihren Blick über den Hof schweifen liess, sah sie den Graben und da kam ihr ein Einfall: «Ja, ich weiss, was du tun kannst. Bau mir einen Zaun auf meiner Seite des Grabens, einen recht hohen, dann muss ich nicht mehr zur Nachbarin hinüberschauen».

Er meinte, das könne er wohl tun. Nachdem sie das Holz und die Werkzeuge für den Zaun zusammengesammelt hatten, erzählte sie ihm abends am Feuer die ganze leidige Geschichte ihres Streits. Er wiederum teilte seine Erlebnisse und Lieder mit ihr. Die, die sonst nichts besitzen, kein Land und kein Haus, sind oft reich an Geschichten und tragen viele davon zu den Menschen. Die Frau legte an diesem Abend besonders viel Holz in den Kamin, weil sie sich an der Stimme des jungen Mannes nicht satthören konnte.

Am nächsten Tag war Markttag und sie wollte in die Stadt. Sie liess den Fremden allein zurück und dachte sich, einer, der einen so geraden Blick hat, würde wohl nichts stehlen oder gar verschwinden. Am Ende des Tages kam sie wieder. Sie war so guter Laune wie lange nicht mehr und freute sich auf einen zweiten Abend in angenehmer Gesellschaft.
Von weitem schon hielt sie Ausschau danach, wie weit er mit seiner Arbeit gekommen war. Wer weiss, vielleicht war der Zaun schon fast fertig?

Doch sie kam näher und näher und konnte nicht einmal Pfosten entdecken, die er eingeschlagen hatte. Als sie schliesslich ihren Hof erreichte, sah sie, dass der Wanderer nicht untätig gewesen war. Doch er hatte mit ihrem Holz keinen Zaun gebaut, sondern eine Brücke über den Graben.
Auf der Brücke stand die Nachbarin mit Tränen in den Augen und sagte: «Was für eine Geste! Du hast mich beschämt; lass uns endlich Frieden schliessen».

Ohne lange nachzudenken tun wir zuweilen die weisesten Dinge. Ohne zu überlegen lief die Frau nun von ihrer Seite auf die Brücke und umarmte ihre alte Freundin. Da floss das Wasser nicht nur unter der Brücke, sondern es fielen auf beiden Seiten Tränen.

An diesem Abend sassen sie zu dritt am warmen Feuer, teilten Geschichten und sangen. Die beiden Frauen waren dem Wanderer sehr dankbar. Am nächsten Morgen hätten sie so manche Arbeit für ihn gefunden und ihn gerne noch eine Weile aufgehalten; doch er meinte, er müsse weiterziehen, denn es gäbe für einen wie ihn noch einiges zu tun auf dieser Welt.


Geschichte aus Nordamerika

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